Angedacht


Neue Normalität?

Liebe Gemeindeglieder,
liebe Freunde,

Vor Betreten des Ladens will ich mir die Maske aufsetzen. Ach nein! Da scheinen schon einige auf Einlass zu warten. Also 1,50 m Abstand und die Standardfrage: "Ist hier das Ende der Schlange?" Es ist schon erstaunlich, mit welcher Geschwindigkeit wir uns an die neuen Gegebenheiten anpassen. Ich will nicht sagen "gewöhnen", denn als Brillenträger stehe ich mit Mund-Nase-Schutz immer wieder im Nebel. Daran kann ich mich nicht gewöhnen.

Unser kleines Kirchlein in Stockhausen, in das sonst ungefähr 100 Personen hinein passen, fasst unter SARS-CoV2-Schutzbedigungen gerade einmal 16 Personen. Darum haben die Verantwortlichen für die Kirchengemeinde "Maßnahmen beim Überschreiten der Besucherzahlen" beschließen müssen: "Überzählige Besucher müssen gegebenenfalls abgewiesen und zu einem anderen Gottesdienst eingeladen werden."

Das fällt mir sehr schwer. Ich habe in meinen jetzt 35 Jahren als Pfarrer noch nie jemanden abweisen müssen, der in die Kirche zum Gottesdienst kommen wollte. Wie könnte ich jemanden daran hindern, in die Nähe dessen zu kommen, der sagt "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken"? Aber zur Sorge für die Mühseligen und Beladenen gehört auch, in Pandemie-Zeiten beim Infektionsschutz nicht leichtfertig zu sein und die Kirche nicht zu einem "Hotspot" für die Virenverbreitung werden zu lassen.

Aber ich hätte es allen, die es wollten, doch gegönnt dabei zu sein, als unsere Konfirmanden am Ende ihres Kurses Zeugnis von ihrem Glauben ablegten. Da bezeichnete eine der 13-Jährigen die Anwesenden als "Meisterstücke Gottes" und einer der Konfirmanden beschrieb die Kirche als "Haus aus lebendigen Steinen" und schloss seinen Vortrag mit den Worten: "… und ich bin so ein lebendiger Stein und du auch."

Wir werden erst einmal weiter mit Abstandsregeln leben müssen und mit Maßnahmen zur Rückverfolgbarkeit wie Anwesenheitslisten, Sitzplänen und Zugangsbeschränkungen. Mit ihnen wird ein Gefühl der Unsicherheit und Ungewissheit zu unserer neuen Normalität gehören. Da bin ich froh, dass ich in dem allen mich bei Gott zu Hause und geborgen weiß. Er hat mir gesagt: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein ... weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe." Seit meiner Taufe ist das für mich normal - und bleibt es auch in Corona-Zeiten.

Bernd Reitmayer, Superintendent